Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Stadtmenschen’

Es ist Abend. Die Sonne lässt noch einige helle Strahlen durch den diesigen Horizont gleiten, bevor sie rot hinter den Bergen versinkt. Langsam hüllt sich die Natur in dunkles Schweigen. Die Nacht bricht herein. Zeit für mich hinaus zugehen und nach dem Wild zu sehen. Ruhig und gelassen ziehe ich meine grünen Sachen an und setze meinen Hut auf den Kopf. Dann gehe ich hinaus in die dunkle geheimnisvolle Nacht. Das Dorf mit den alltäglichen Eindrücken bleibt hinter mir. Meine Augen gewöhnen sich langsam an die Dunkelheit. Sie sehen durch das schwarze Tuch hindurch, was zuerst so undurchdringlich schien.

Das Fernglas hilft noch etwas nach, die Konturen und Bestandteile dieser Umwelt genauer ansprechen zu können. Es ist still. Da und dort ein leises knacken oder ein Vogel der wohl an Schlafstörungen leidet. Der Nachtwind spielt mit den Blättern in den Bäumen. Sie knistern. Der nahe Wald rauscht mal leise, mal laut, wie der Wind seine Possen mit ihm treibt. Es klingt wie eine Melodie. Waldluft umgibt mich. Irgendwie bin ich glücklich. Auf meinem Weg steigen Gedanken zur Schönheit dieser Umwelt und Erhaltung derselben in mir hoch…..

Auf den Wiesen neben mir bewegen sich dunkle Schatten. Mein Fernglas offenbart ziehende Rehe, fünf an der Zahl. Langsam bewegen sie sich, die Ohren immer offen von Futterplatz zu Futterplatz. Der Wind steht gut. Sie bemerken mich nicht. Bei den Korbweiden spielen die Hasen. Mir scheint, das ich in der Nacht besser hören kann. Kein Geräusch entgeht mir. Nebelschwaden ziehen über den Erdboden hin. Sie benetzen die Gräser und alles was da steht und wächst mit einem feinen Wassertropfenschleier. Meine Stiefel sind nass.

Über der Natur der Sternenhimmel als Ergänzung und Abrundung der ganzen Schönheit. Große und kleine Sterne funkeln mir silbrig entgegen. Da die Milchstraße. Wie ein weißes Band zieht sie sich am schwarzen Himmel entlang. Mir einem Blick durch das Nachtglas entpuppt sich dieses über mir als ein mit vielen Punkten übersätes dunkles Tuch. Einmal die Augen oben, dann wieder in der Natur setze ich meinen Weg fort. Vor mir taucht der Schein Jenas auf. Das Lichtergemisch weißer und gelber Straßenlaternen gibt dem Himmel eine undefinierbare Farbe. Arme Stadtmenschen, sehen die Schönheit des nächtlichen Sternenhimmels kaum. Viele wollen gar nicht sehen. Sie betrachten ihre vier Wände als Festung und lassen nichts von außen heran. Der Fernseher ist ihr ein und alles.

Jetzt habe ich die hohen Bäume am Waldrand erreicht. Zwischen ihnen windet sich der Bach. Hier bleib ich stehen und höre was er mir erzählt. Murmelnd und gurgelnd fließt er über die Steine dahin. Hier und da ein Blatt oder ein Holz mitnehment, was von den Bäumen fällt. Er zieht mich in seinen Bann. Ich denke an meine verstorbene Kollegin. Der Tod ist etwas unfaßbares. Gestern lebendig und frisch mit mir gearbeitet und heute: Der Platz gegenüber am Mittagsstisch leer. Für immer leer. Ich denke an versprochenes ihr gegenüber, was ich nicht gehalten habe. Ärgere mich etwas und mache mir Vorwürfe. Hab sie doch recht gerne gehabt. Viel Not und Elend hat sie erlebt aber trotzdem doch recht fröhlich gewesen. 20 Jahre alt und schon Abschied von diesem Leben. Man kommt dazu über den Sinn des Lebens nachzudenken….

Es ist kalt geworden. Meine Hände sind steif. Gut, das die Handschuhe in der Jacke sind. Langsam gehe ich über die Felder. In der Ferne vor mir liegt die Autobahn. Lichter huschen vorbei. Lastzüge donnern mit hoher Geschwindigkeit in der Ferne vorbei. Die Luft ist plötzlich angereichert mit ihren Abgasen. Ich sehne mich etwas nach der Stille am Bach zurück. Der Geruch der nahen Autobahn lässt mich schneller gehen. 30 m vor mir ist die Landstraße. Zwei Autos kommen mir entgegen. Ihr grelles Scheinwerferlicht macht mich fast blind. Der Boden unter meinen Füßen gibt plötzlich nach. Ich stehe in einer Schlammpfütze." Glück gehabt" denke ich, fast wäre ich hinein gefallen. Weiter geht es. Die Scheinwerfer sind weg. Fluche noch etwas über sie….

Neben der Landstraße auf dem kleinen Teich erzählen die Wildenten sich noch etwas vor dem Einschlafen. Es ist halb zwölf. Unten im Tal ist das Dorf mit seinen Gewächshausanlagen. Aus dem Schornstein kommt eine Rauchwolke die noch schwärzer ist, als die Nacht. In den Häusern brennt nur noch vereinzelt ein Licht. Ich überlege was die Menschen in den beleuchteten Stuben noch so anstellen. Aus irgendeinem Stall trägt der Wind mir leises Muhen und Kettenklirren an mein Ohr. Im Walde schreckt ein Rehbock. Es klingt etwas gespenstisch. Das Echo hilft noch ein bisschen nach…..

Die Eindrücke ringsherum haben mich müde gemacht. Unser Haus ist fast dunkel. Nur die Neonbeleuchtung in der Pflanzenvitrine vom Nachbarn, leuchtet mir kalt entgegen. Ich gehe in mein Zimmer und zünde die Kerzen an, dem kalten Licht der Straßenlaternen zum Trotz. Aus dem Radio tönt Kammermusik. Einfach herrlich dieses ausruhen und überdenken. Aber ich muss mich in acht nehmen. Die Müdigkeit versucht mit allen Tricks mich zu überrumpeln." Schade" denke ich" das die Nächte immer so kurz sind" und blase die Kerzen aus. Dann kommt ein langer Traum….

Im Herbst 1983 geschrieben in Laasdorf, während meiner Jagdhelferzeit.

Read Full Post »